Quantencomputing: Über 9 Millionen Euro für FAU-Ausgründung

Wollen QuantenComputing für die industielle Anwendung optimieren: Quint Computing-Gründer und FAU-Forscher Prof. Dr. Christopher Eichler (l.), Dr. Jona Stinner (m.) und Prof. Dr. Michael Hartmann (r.) (Bild: Quint Computing/Giulia Iannicelli)
Wollen QuantenComputing für die industielle Anwendung optimieren: Quint Computing-Gründer und FAU-Forscher Prof. Dr. Christopher Eichler (l.), Dr. Jona Stinner (m.) und Prof. Dr. Michael Hartmann (r.) (Bild: Quint Computing/Giulia Iannicelli)

Start-up will Quantenprozessoren fit für industrielle Anwendungen machen

Es ist die bislang größte Anschubfinanzierung für ein Quantencomputer-Unternehmen in Deutschland: Die Quint Computing GmbH, eine Ausgründung von Forschern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), erhält von einem Venture-Capital-Konsortium 9,1 Millionen Euro. Das Start-up entwickelt Quantenprozessoren mit einer neuartigen Hardware-Architektur, die den Aufwand für die Fehlerkorrektur drastisch reduziert und Quantencomputer für den industriellen Einsatz vorbereiten soll. Gegründet wurde Quint 2025 von den FAU-Quantenphysikern Prof. Dr. Christopher Eichler und Prof. Dr. Michael Hartmann sowie dem Technologie-Ökonomen Dr. Jona Stinner.

Die enorme Leistungsfähigkeit von Quantencomputern wurde in den vergangenen Jahren vielfach demonstriert. Allerdings sind Quantenprozessoren, auch Qubits genannt, extrem fragil: Vor allem äußere Einflüsse wie thermisches Rauschen oder ungenaue Steuerpulse können die Quanteneigenschaften stören oder gänzlich aufheben. „Die Fehlerkorrektur ist für zuverlässiges Quantencomputing unerlässlich, im Vergleich zu klassischen Computern jedoch extrem aufwendig“, sagt Prof. Dr. Christopher Eichler, der seit 2022 einen Lehrstuhl für Experimentalphysik leitet.

Fehler direkt an der Quelle aufspüren

Bislang können fehlerhafte Prozessoren nicht direkt lokalisiert, sondern lediglich einem  bestimmten Bereich des Quantenchips zugeordnet werden. Viele Entwickler von Quantencomputern arbeiten deshalb an immer größeren Plattformen mit immer mehr Qubits, weil eine große Zahl davon für die Fehlerkorrektur benötigt wird. „Ich sehe diese Strategie skeptisch“, erklärt Eichler. „Wir sollten die Technologie skalieren, um mehr Rechenleistung zu bekommen – nicht primär, um Fehler zu beheben.“

Christopher Eichler entwickelt deshalb eine Hardware-Architektur, die Fehler direkt an der Quelle aufspürt. Seine Idee: Qubits so zu designen, dass sie Rechen- und Kontrollfunktion in sich vereinen. „Wenn das gelingt, muss bei den meisten detektierten Fehlern nur das betreffende Qubit neu initialisiert werden“, erklärt er. „Das würde tausende Korrekturschleifen ersparen und bei vergleichbarer Größe eines Quantenprozessors eine deutlich höhere Rechenleistung ermöglichen.“

„Quint liefert die Quantenprozessoren und baut die Systeme, sodass sich die FAU auf die grundlegenden Forschungsfragen konzentrieren kann.“

Prof. Dr. Michael Hartmann

Quantencomputer für industrielle Anwendungen

Um die neue Quantenhardware fit für eine breite Palette industrieller Anwendungen zu machen, hat Eichler vor einem Jahr zusammen mit Prof. Dr. Michael Hartmann vom Lehrstuhl für Theoretische Physik der FAU und dem Technologie-Ökonomen Dr. Jona Stinner die Quint Computing GmbH gegründet, die aktuell zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. „Quint liefert die Quantenprozessoren und baut die Systeme, sodass sich die FAU auf die grundlegenden Forschungsfragen konzentrieren kann“, sagt Hartmann, ehemaliges Mitglied des Sycamore-Projektes, mit dem Google erstmals die Überlegenheit des Quantencomputers gezeigt hat.

Quantencomputing besitzt ein riesiges Potenzial für eine Vielzahl rechenintensiver Anwendungen: In der Chemie und der pharmazeutischen Forschung könnte es computergestützte Modellierungen ermöglichen, die mit herkömmlichen Methoden nicht realisierbar sind. Dies würde beispielsweise die Arzneimittelentwicklung extrem beschleunigen. In der industriellen Fertigung könnten Quantencomputer komplexe Planungs- und Optimierungsaufgaben übernehmen – mit dem Ziel, Produktionszeiten zu minimieren und Ressourcen effizienter zu nutzen. Der ökonomische Nutzen des Quantencomputings allein in diesen Branchen liegt laut Schätzungen im Bereich hunderter Milliarden Euro. „Quint untersucht solche Anwendungsszenarien, um Quantenprozessoren auf künftige Kundenbedürfnisse zuzuschneiden und die Potenziale auszuschöpfen”, erklärt Michael Hartmann.

Eingebettet in ein starkes Umfeld

Das Risikokapital in Höhe von 9,1 Millionen Euro ist die bislang größte Summe, die einem deutschen Quantencomputer-Unternehmen als Anschubfinanzierung zur Verfügung gestellt wurde. Zu den Investoren gehören namhafte internationale Venture-Capital-Firmen wie VSquared, Quantonation, Nucleus Capital, Faber Ventures und Vanagon Ventures. Am Konsortium beteiligt ist auch ZOHO VC, ein Risikokapitalfonds des Nürnberger Tech-Inkubators ZOLLHOF.

„Quantencomputing hat ein riesiges Potenzial gerade auch in Deutschland und Europa, denn hier haben viele unserer zukünftigen Kunden ihren Hauptsitz.“

Prof. Dr. Christopher Eichler

Die Finanzierung ist nicht nur eine Investition in die Entwicklung fehlertoleranter Quantencomputer, sondern zugleich in den Aufbau regionaler Expertise und technologischer Resilienz. Dazu trägt auch die Einbindung von Quint in das Munich Quantum Valley (MQV) bei, das im Rahmen der Hightech Agenda Bayern gegründet wurde. Das MQV vernetzt Forschungseinrichtungen, Industrie, Fördermittelgeber und Unternehmertum, um den Transfer von Quantenforschung in kommerzielle Anwendungen zu beschleunigen. „Durch die Bündelung dieser Expertise sind wir in der Lage, wirklich Neues auf den Weg zu bringen“, sagt Christopher Eichler. „Quantencomputing hat ein riesiges Potenzial gerade auch in Deutschland und Europa, denn hier haben viele unserer zukünftigen Kunden ihren Hauptsitz.“

Stimmen aus Politik und Universitätsleitung:

Wissenschaftsminister Markus Blume: „Bayern ist Quanten-Pionier – von der Forschung bis zur Anwendung! Dass Forschende der FAU mit Quint Computing den Schritt aus dem Labor in den Markt schaffen und dafür 9,1 Millionen Euro einwerben, ist ein großartiger Erfolg für unseren Innovationsstandort. Genau diesen Transfer brauchen wir: exzellente Wissenschaft, mutige Gründer und Technologien, die den Weg in die industrielle Praxis finden. Wir sind überzeugt: Quantencomputing ist weit mehr als eine neue Rechengeneration, es markiert einen historischen Wendepunkt. Mit der Hightech Agenda Bayern und dem Munich Quantum Valley, in dem die FAU mit weiteren Forschungseinrichtungen und Partnern ihre Kräfte bündelt, haben wir ein starkes Fundament. Unser Anspruch ist klar: Wir bauen Bayerns internationale Spitzenstellung konsequent aus und machen aus wissenschaftlichen Durchbrüchen technologische Erfolge ‚Made in Bavaria‘!“

FAU-Präsident Prof. Dr. Joachim Hornegger: „Leistungsfähige Quantencomputer könnten viele Bereiche von Wissenschaft und Wirtschaft grundlegend verändern. Um die aktuellen Hürden auf dem Weg zu leistungsfähigen Quantencomputern zu überwinden, arbeiten theoretische und experimentelle Physik eng mit den Ingenieurwissenschaften zusammen. Mit der FAU Ausgründung Quint Computing wird so aus Grundlagenforschung eine Technologie, die das Quantencomputing revolutionieren könnte. Dass private Investoren bereits in dieser frühen Phase eine hohe Finanzierung bereitstellen, zeigt das große Vertrauen in diesen Ansatz und sein wirtschaftliches Potenzial.“

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Prof. Dr. Christopher Eichler

Lehrstuhl für Experimentalphysik

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Prof. Dr. Michael Hartmann

Lehrstuhl für Theoretische Physik

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Dr. Jo Stinner

Lehrstuhl für Experimentalphysik

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